Telegram: Mein WhatsApp-Ersatz

Update: Erlebnisbericht

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Telegram: Mein WhatsApp-Ersatz
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Anfang 2019 habe ich mein WhatsApp-Konto gelöscht und bin weitgehend auf Telegram (zum Test) umgezogen. Der Messenger erscheint mir in allen Belangen gegenüber WhatsApp überlegen. Leider setzen noch nicht all meine Kontakte auf die WhatsApp-Alternative. Ich zeige Euch alle Vorteile und beantworte typische Fragen.

Zum Abschnitt

Natürlich muss niemand so radikal agieren wie ich und gleich sein WhatsApp-Konto löschen. Ihr könnt Telegram kostenlos installieren und parallel zu WhatsApp nutzen. So seht Ihr, wer in Eurem Freundeskreis den Messenger bereits nutzt. Und Ihr könnt Telegram auch spurlos wieder deinstallieren; Euer Konto löscht sich nach sechsmonatiger Inaktivität von selbst.

Da ich bereits einige Erfahrung gesammelt habe, stelle ich Euch nun meine wichtigsten Erkenntnisse vor:

Was macht Telegram besser als WhatsApp?

Telegram auf mehreren Geräten parallel und ohne gültige Nummer

WhatsApps größter Nachteil ist, dass Ihr es nur auf einem einzigen Smartphone nutzen könnt. Via WhatsApp Web lässt es sich zwar auf Tablets oder PCs starten, ist aber weiterhin abhängig von WhatsApp auf Eurem Smartphone. Geht letzterem der Akku, Empfang oder das Datenvolumen aus, seid Ihr nicht mehr per WhatsApp erreichbar.

Bei Telegram ist mir keine Beschränkung bekannt, auf wie vielen Geräten Ihr Euch parallel anmelden könnt.

  1. Öffnet web.telegram.org auf einem beliebigen PC
    • oder ladet die App aus Play- oder App Store herunter,
  2. tippt Eure Handynummer ein,
  3. tippt den Bestätigungscode aus der SMS oder aus einer anderen Telegram-Instanz ein und
  4. chattet los.

Da der Code zuerst an Eure bestehenden Telegram-Anmeldungen und nur im Notfall per SMS gesendet wird, könnt Ihr theoretisch eine Wegwerf-Nummer verwenden. So lange Ihr Zugriff auf wenigstens ein eingeloggtes Gerät habt, könnt Ihr Telegram auch ohne gültige Nummer weiternutzen.

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Telegram mit zwei Nummern nutzen

Telegram hat ein integriertes Kontenmanagement; besonders praktisch für Dual-SIM-Smartphones. Nutzt Ihr den Dienst privat für Freunde, und unter anderer Nummer geschäftlich oder für Telegram-Gruppen, könnt Ihr beide Nummern in derselben App verwalten. Der Kontowechsel erfolgt ähnlich einfach wie in Gmail: Ihr öffnet das Menü, tippt auf Euer Profilbild, dort auf Konto hinzufügen, und tippt die zweite Handynummer ein.

Telegram bietet Account-Management, unendlichen Backup-Speicher und Anmelde-Codes ohne SMS. / © NextPit

Telegram macht permanent Backups

Einer der lästigsten Nachteile von WhatsApp sind seine schlechten Backups, die man dort per Hand machen oder zumindest anstoßen muss. Durch meine Tätigkeit als Tech-Redakteur muss ich oft nach nur wenigen Wochen das Smartphone wechseln. Damit WhatsApp-Chats nicht bei Null anfangen, musste ich also manuell ein Update machen, es aufs neue Gerät kopieren und dort laden. Irgendwann wurden diese Backups mehrere hundert MByte groß und somit langwierig. Dieser Prozess entfällt bei Telegram komplett.

Anders als WhatsApp ist Telegram Cloud-basiert. Das heißt, Nachrichten werden – schon während Ihr sie tippt – über all Eure angemeldeten Geräte hinweg und mit dem Cloud-Speicher von Telegram synchronisiert. Es werden Fotos, Videos und auch andere Dateien (doc, zip, mp3, etc.) mit je bis zu 1,5 GByte Dateigröße gesichert.

Da es in Telegram den Bereich "Gespeicherte Nachrichten" gibt, nutze ich den Dienst auch ausgiebig als Gratis-Cloud-Speicher. Zum Teilen Eurer Fotos empfehle ich jedoch weiterhin Google Photos, da auch Telegram Fotos beim Bilder-Upload vor dem Versand verlustreich auf 1280 Pixel Breite verkleinert. (Versendet Ihr Fotos in Telegram als "Datei", werden sie im Original hochgeladen.)

Passend zum unendlichen Speicherplatz bietet Telegram auch eine globale Suche. Selbst Jahre alte Konversationen könnt Ihr so wieder durchsuchen und auch älteste Bilder und Dateien wiederfinden. Mein persönlicher Tipp: Verseht jeden Datei-Upload mit einer einschlägigen Beschreibung, um ihn später besser finden zu können.

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WhatsApp vs. Telegram: Gruppenchats

  WhatsApp Telegram
Max. Gruppengröße 256 100.000
Gruppe löschen nur leere Gruppe sofort möglich
Admin-Ebenen 1 1, mehr bei Supergroups
Admin-Default Ersteller ist Admin Jeder ist Admin
Antworten mit Zitat ja ja
Erwähnen mit @name ja ja
Telefonnummer wird in Gruppen öffentlich ja nein
Jeder kann jedem schreiben ja Nur gegenseitige Kontakte oder gemeinsame Gruppenmitglieder
Neue Mitglieder sehen alte Nachrichten nein ja
Nachrichten lassen sich editieren nein ja
Nachrichten lassen sich für alle löschen nur 7 Minuten nach Versand ja, immer
Nachrichten anheften (z.B. Betreff, oder Regeln) nein ja
Unterstützung durch Bots nein ja
Gruppenbeitritt von außen Via Link Via Telegram-Suche oder Link

Telegrams Gruppenchat-Funktion ist technisch deutlich ausgereifter als die von WhatsApp. Und je größer die Gruppe, desto mehr Administrations-Funktionen habt Ihr in Telegram. Wollt Ihr eine öffentliche Gruppe erstellen, könnt Ihr diese per Hyperlink verbreiten. Legt selbst fest, ob die Nutzer chatten dürfen, oder nur – wie in unserem AndroidPIT-Kanal – lediglich folgen und lesen.

Wird Eure Gruppe immer größer, braucht Ihr Aufgabenteilung: Administratoren, Moderatoren und so weiter. Eine Liste beliebter Telegram-Gruppen in deutscher Sprache findet Ihr hier.

Telegram-Supergroups könnt Ihr einfach per Suchfunktion finden. Alternativ lassen sich – wie in WhatsApp – Links zum Teilen erstellen. / © NextPit

Weitere Alleinstellungsmerkmale von Telegram

In Telegram findet Ihr viele Funktionen, die es bei WhatsApp gar nicht gibt, darunter …

Ein weiterer Bonus bei Telegram sind Inline-Bots. Startet eine neue Nachricht mit dem @-Zeichen, um eine Liste verfügbarer Inline-Bots zu sehen. Sucht etwa mit @gif nach animierten GIFs zu Schlagwörtern oder passende @sticker zu Emojis.

Bei Telegram dürft Ihr nur Leute anschreiben, die auch Eure Handynummer haben oder in derselben Gruppe sind. Alles andere landet im Spamfilter. / © NextPit

Andere Bots treten als Chat-Partner auf. Der leider nur in italienischer Sprache erhältliche @TrackBot nimmt u.a. DHL-Paketnummern entgegen und schickt Euch Nachrichten bei Sendungs-Updates. Ihr könnt auch Euren eigenen Telegram-Bot programmieren.

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Noch mehr Tipps zu Telegram findet Ihr im separaten Artikel!

Weitere Fragen zu Telegram

Wie viele Leute nutzen Telegram?

Telegram hat laut Statista (März 2018) monatlich 200 Millionen aktive Nutzer. Die Zahl der Nutzer wächst jedoch rapide. WhatsApp hat laut Satista (Februar 2020) rund 2 Milliarden Nutzer und befindet sich ebenfalls weiter im Wachstum. Es ist dennoch wahrscheinlich, dass Ihr viele Eurer Telefonkontakte auch bei Telegram antrefft, sobald Ihr Eure Handynummer und Euer Adressbuch mit dem Messenger synchronisiert.

Wie überzeuge ich meine Freunde von Telegram?

Telegram lässt sich ähnlich einfach und niedrigschwellig wie WhatsApp einrichten. Wollt Ihr also vom einen zum anderen Messenger umziehen, könnt Ihr Eure WhatsApp-Kontakte einfach per Broadcast informieren, Eure Info anpassen ("Ihr findet mich auf Telegram") und WhatsApp deinstallieren.

Nach einer Weile werden Eure Kontakte Euch auf Telegram oder einem anderen Weg anschreiben. Da jeder Telegram kostenlos installieren und gefahrlos ausprobieren kann, ist die Hemmschwelle für den Einstieg gering. Dass neue Nutzer länger bleiben, ist wahrscheinlich. Genügend Vorteile von Telegram gegenüber WhatsApp sowie verlockende Alleinstellungsmerkmale habe ich oben aufgezählt.

Wer steckt hinter Telegram? Wo sind die Server?

Die Brüder und Telegram-Gründer Pavel und Nikolai Durov stammen aus Russland. Sie arbeiten derzeit von Dubai aus, um möglichen Repressalien in Russland zu entgehen. Die Infrastruktur des Chat-Clients ist dezentral organisiert, also über den kompletten Planeten verstreut. Man kann also nicht mehr von einem russischen oder deutschen oder sonstwie-nationalen Produkt sprechen. Dies nutzt das Unternehmen aus, um gespeicherte Daten vor staatlicher Durchsuchung zu schützen.

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Telegram ist Datenschutz-mäßig nicht viel besser als WhatsApp. / © NextPit

WhatsApp hingegen wurde einst als unabhängiges Start-up gegründet und ist ausgezogen, um die kostenpflichtige SMS obsolet zu machen. Lange Zeit war der Dienst kostenlos. 2012 wurden Abonnements eingeführt, die man jedoch nie wirklich bezahlen musste. 2014 übernahm Facebook den Dienst und beendete den Abo-Humbug. Seither tauschen die Dienste Meta-Daten untereinander aus und unterminieren unsere Privatsphäre.

Telegram (links und Mitte) verbirgt die Telefonnummer des Nutzers "Drimsim 87" vor Sophia während WhatsApp (rechts, +44...) sie schamlos enthüllt. / © NextPit

Leider ist Telegram da nicht vorbildlicher. Durch die intransparente Struktur ist nicht klar, wer Eure Daten inwieweit gebraucht. Immerhin konstatiert die Privacy Policy, dass "0 Byte Nutzerdaten an Dritte oder Regierungen übergeben werden". WhatsApp macht da schon realistischere Versprechen und klärt Euch auf, wer alles Zugriff auf Eure und die Telefonnummern Eurer Kontakte erhält; die Situation gerät also so ziemlich direkt nach der Anmeldung außer Kontrolle.

Die Frage ist also, wem Ihr Eure Daten eher gönnt. Einem Daten-Giganten, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, alles über Euch zu erfahren und an Werbetreibende zu verkaufen? Oder einem Projekt von ein paar reichen, ambitionierten Russen, das sich über Spenden und kostenpflichtige Dienstleistungen finanziert, sobald das Startkapital aufgebraucht ist.

Fazit

Telegram klingt zu gut, um wahr zu sein. Da Ihr es gleichzeitig auf all Euren Tablets und PCs sowie mit all Euren Handynummern nutzen könnt, ist es flexibler als WhatsApp. Geheime Chats, unendlicher Backup-Speicher und praktische Zusatzfunktionen runden das Paket ab. Da jeder Telegram kostenlos nutzen kann, solltet Ihr es wenigstens mit Euren Freunden einmal ausprobieren.

Abonniere unseren Telegram-Kanal "AndroidPIT News" / © NextPit

Der Artikel wurde komplett überarbeitet und in einen persönlichen Erlebnisbericht umformuliert. Die bestehende Diskussion wurde beibehalten, auch wenn sie sich teilweise auf inzwischen gelöschte Inhalte bezieht.

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