Spätestens in Verbindung mit Standort-abhängigen Apps wie ShareNow spürt man die harten Limitierungen, mit denen uns die Google-Problematik neuer Huawei- und Honor-Smartphones konfrontiert. Die Website der Carsharing-Kooperation erlaubt noch nicht einmal einen Log-in; ganz nach dem Motto "App, or GTFO!"
Im zweiten Teil dieser Artikelreihe "Huawei ohne Google (2): Alles ist ersetzlich" war ich noch optimistisch, dass wir das Problem mit Desktop-Websites, Sideload-Apps und anderen Alternativen irgendwie überbrücken können, bis die AppGallery sich endlich mit populären Apps füllt, die ihrerseits das Huawei-Framework aus HMS, Ortungsdienst et cetera anstelle der vermaledeiten Google-Dienste nutzen.
Aber wenn selbst mir geduldigem, verbissenem und neugierigem Tech-Redakteur schon nach drei Wochen mit einem Google-losen Smartphone die Puste ausgeht (mein nächstes Testgerät wird ein billiges Android-Go-Handy und ich freu mich drauf!), sehe ich für den Otto-Normalverbraucher schwarz.
Der wird dann versuchen, den Play Store irgendwie manuell auf dem Huawei P40, Honor 9X Pro oder einem anderen der neuen Un-Google-Huaweihonors zu installieren. Also habe ich das in der vergangenen Woche auch versucht. Und dabei habe ich mich oft nicht wohlgefühlt.
Wenn du lange in einen Abgrund blickst …
Die Methoden schienen erprobt. Schon länger war es übliche Praxis, Google-Apps auf Handys zu installieren, die aus China importiert wurden. So genannte Helper-Apps waren in den vorinstallierten App-Shops unter dem Suchbegriff "Google" auffindbar. Dreimal tippen, und schon waren Play Store, GMS und so weiter funktionsfähig; das Gerät war quasi EU-Bürger.
Doch die fetten Jahre sind offenbar vorbei. Auch zum Honor 9X Pro (Test) hatte ich noch mehrere vielversprechende Anleitungen gefunden. Manche als deutscher Text, quasi abgeschrieben vom englischen Original oder paraphrasiert aus einem ominös anmutenden Video. Eins hatten alle gemein: Sie funktionieren nicht. Doch das ist nicht das Schlimmste. Und dabei hatte ich noch Glück, dass ich zu keinem Zeitpunkt zum Bezahlen aufgefordert wurde. Am weitesten brachte mich übrigens folgender Oscar-Preisträger:
Die Videos haben in ihren Beschreibungen oft einen Download-Link. Der zeigt – wenn Ihr Glück habt – auf einen Online-Speicher (Mega, GMX, Google (LOL)) mit einem ZIP- oder RAR-Archiv. Wenn Ihr weniger Glück habt, werdet Ihr über eine Spam-Seite zum Download-Server geleitet. Wenn Ihr Pech habt, bleibt es bei der Werbeseite und Ihr müsst Euch mit der Machete aus Ihr freiswipen.
Im genannten Archiv befindet sich ein Back-up, das Ihr über die entsprechende Funktion in den Geräte-Einstellungen wiederherstellen könnt. Darin befindet sich oft der oben angerissene Google-Helper. In manchen Anleitungen installiert Ihr ihn herkömmlich (das heißt bei Huawei also per Sideload), macht ein Backup über soeben genannte Funktion, modifiziert selbiges Backup mit irgendwelchen Dateien aus dem ominösen Archiv und stellt abschließend das gezinkte Backup wieder her. Offenbar ist die Installation über das Backup-System ein Ersatz für die fehlende Möglichkeit, Installationspakete über eine Recovery-Schnittstelle einzuschleusen; auf die ich später eingehe.
Öffnet Ihr den so installierten Google Helper, wird es … intim. Denn nicht nur, dass Ihr gleich auf viele chinesisch beschriftete Schaltflächen drücken sollt. Gegen Chinesisch habe ich nichts einzuwenden. Außerdem könnte man ja ein anderes Smartphone mit Google Translate (nochmal LOL) darüberhalten und live die Zeichen übersetzen lassen. Da mein Kollege Stefan aber nicht dabei war, um ein Foto zu machen, habe ich darauf verzichtet. Was mich also tatsächlich gestört hat: Die App erfordert Administratorrechte.
Und hier kommen wir zum lauernden Abgrund: Noch handelt es sich bei den bislang kursierenden Anleitungen meistens um geprüfte How-tos von netten Menschen. Doch wenn die Sache mit den Honor- und Huawei-Geräten etwas an Volumen zunimmt (und die Klickzahlen dieser Artikel-Trilogie sprechen stark dafür), werden bald auch ein paar böse Buben hinzukommen. Und mit solchen Administratorrechten können sie Euren Bildschirm sperren und ihn erst gegen Bares wieder freigeben. Ja, Freunde: Das nennt man Ransomware.
Woran scheitert es?
Google weiß, mit was für einem Gerät es zu tun hat. Die aktuelle politische Situation zwingt beide Seiten (also Google und Huawei) zu Vorsicht. Google sperrt also Honor-Geräte anhand ihrer Geräte-Kennung und Huawei stopft eventuelle Lücken in ihren Systemen, über jene sich die oben erklärten Anleitungen realisieren lassen.
Huaweis zweite Motivation ist natürlich, durch möglichst viele Google-lose Geräte im Westen dortige Entwickler zur Anpassung zu motivieren. Deren Apps sollen auch in der AppGallery verfügbar sein und mit dem HMS-Core laufen. Die Feature-Lücken werden geschlossen, App-Entwickler bekommen Zugang zum fetten chinesischen Markt, Huawei verdient an der Umsatzbeteiligung (auf die es anfangs sogar verzichtet!), User teilen ihre Daten nicht mehr länger mit Google (sondern mit einem Unternehmen, das an die KPCh berichtet, yay!), alle sind glücklich.
Wenn anstelle vieler Un-Google-Huaweis jedoch durch manuell installierte Play Stores der Zugzwang für die Entwickler ausbleibt, ist das schlecht für Huaweis Geschäft. Maximal schlecht, weil dann nur noch die Nischen-Kundschaft übrig bleibt, die sich obige YouTube-Videos zum Frühstück anschaut. (Ich war letzte Woche einer von Euch, Brüder!)
Custom-ROM mit GApps oder MicroG: Keine Option bei Honor und Huawei
Jetzt, wo ich gerade Eure Nischen-Aufmerksamkeit habe. Ich würde mich mächtig freuen, könnten wir wenigstens den Bootloader der Huawei-Geräte entsperren. Dann wäre ID-Spoofing möglich, womit wir das MicroG-Framework nutzen können. Denn das hatte in einem separaten Test alle relevanten Probleme mit GMS-abhängigen Apps wie ShareNow beseitigt – anderer Artikel: MicroG macht Carsharing Apps wieder nutzbar.
Über eine Custom-Recovery kämen wir logischerweise auch einer Custom-ROM gleich zehn Schritte näher. Die könnten wir locker mit einem Google-Apps-Paket installieren. Diese Drittanbieter-Firmware übernimmt die so genannte "Google Play Certification" meistens schon für Euch im Hintergrund (hier ein alter Blog-Post vom Lineage-OS-Team dazu), sodass der oben gezeigte Fehler nicht auftritt.
… blickt der Abgrund auch in dich hinein
Ich glaube, Huawei steht aktuell vor dem größten First-World-Problem in der Tech Bubble. Gleichzeitig ermöglichten mir die drei Wochen mit dem zwangs-entgoogleten Android-Smartphone eine kleine Selbstreflexion. Warum tut es so weh, wenn der Play Store plötzlich weg ist? Was hatten wir eigentlich für eine Beziehung geführt? Was hat Google je für mich getan?
Huawei hätte ein tolles Gegengewicht zu Google aufbauen können. Denn wenn man die Beziehung zwischen Google und den Hardware-Herstellern oder den App-Entwicklern bei Facebook eintragen würde, stünde da: "Es ist kompliziert". Das Korsett an Richtlinien, in das Google seine vermeintlichen Partner für die oben erwähnte Zertifizierung hineinzwängt, wird immer enger. Der Suchmaschinen-Riese und de-facto-Monopolist verdient Wettbewerb und ein gelegentliches Veto.
Doch nun hat Huawei den Moment verpasst, ein solches einzulegen. Vermutlich wäre Huawei früher oder später ohnehin mit einer Google-losen Produktlinie bei uns oder in einem aufstrebenden Markt aufgetaucht (ganz ohne den Zwang, wie er in China vorherrscht). Vielleicht hätte es sein HMS-Konzept mit etwas mehr Offenheit bei der Sache auch an Xiaomi, Oppo, ZTE oder sogar Samsung verkaufen können. Doch nun soll Huawei sich ganz alleine am eigenen Stiefel über den Zaun ziehen (daher kommt der Ausdruck "Bootstrapping". Interessant, oder?) und die ganze Fanbase gleich mitnehmen. Ich wünsche viel Glück dabei!
Kommende Woche starte ich einen Test mit einem 100-Euro-Smartphone mit "Android Go". Android Go ist für Android, was Methadon für Heroin ist. Und genauso fühlt sich meine Vorfreude auf diesen Test an. Es hat noch nicht die Verruchtheit des vollen Google-Pakets, aber schon genug, um mich wieder mit meiner gewohnten Flut an Benachrichtigungen einzulullen. Hmmmmmgoogle …
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