Kommentar: Wachablösung in Europa – Xiaomi beerbt Huawei

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Das Handelsblatt berichtete vor kurzem darüber, dass Xiaomi seine Europazentrale in Düsseldorf, Deutschland errichten wird. Damit zementiert das Unternehmen seinen Anspruch für den europäischen Markt und tritt damit auch Huawei in den Hintern, das sich fast kampflos ergeben und ins zweite Glied rücken müssen.

Xiaomi – wenn ich in den letzten Jahren im Freundeskreis diesen Namen nannte, gab es gemischte Reaktionen. Ein paar wenige kannten den den Smartphone-Riesen bereits, andere schauten mich fragend an oder wünschten mir "Gesundheit". Huawei hingegen kennen im Bekanntenkreis alle. Das hat sich in nur wenigen Jahren so entwickelt, dass Huawei so ein großer Player neben Samsung und Apple geworden ist und ich vermute, dass Xiaomi sich längst auf den Weg gemacht hat, um in diese großen Fußstapfen zu treten. 

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Erst zu den Fakten, bevor ich Euch erkläre, was ich meine: Wie das Handelsblatt in Erfahrung bringen konnte, wird Xiaomi seine Europazentrale in Düsseldorf errichten. Dort befindet sich bereits der Flagship Store des Unternehmens und dort sitzt auch die deutsche Xiaomi-Zentrale. Jobs für mehrere Hundert Menschen will man in Düsseldorf schaffen und von dort aus dann die Geschicke des Unternehmens in Europa leiten. 

Es kommt also nicht von ungefähr, wenn sich Xiaomi die Metropole am Rhein nun auch als Europa-Hauptquartier wählt – wenn schon in Deutschland, dann ist Düsseldorf offensichtlich. Aber den ein oder anderen wird vielleicht überraschen, dass man sich überhaupt für dieses Land entschieden hat und nicht vielleicht für Frankreich oder Spanien, wo die Chinesen schon länger aktiv und fester verankert sind als hierzulande. 

Xiaomi ist "gekommen, um zu bleiben"

Wenn Xiaomi nun also Deutschland als Standort auswählt, ist das weder zufällig, noch eine rein logistische Überlegung. Es ist eine strategische Überlegung. Ich möchte Länder wie Frankreich oder Spanien nicht kleiner machen, aber ein Hauptquartier im Standort Deutschland hat eine andere Strahlkraft in meinen Augen. Für mein Empfinden hat Xiaomi jetzt lange genug vorgefühlt, sich nach und nach in Europa eingefunden (wenn ich mich recht erinnere, wurden die Smartphones in Europa 2016 zunächst in Polen angeboten) und ist jetzt bereit, ein Zeichen der Macht zu setzen. 

Fragt man Xiaomi selbst, bekommt man eine klare Antwort, wieso es Düsseldorf geworden ist. Es geht um die Logistik, die ansässigen Unternehmen und nicht zuletzt um die Stadt und die Region selbst. Zu einem Statement befragt, verwies uns Xiaomi auf die Aussage des Country Manager Alan Chen Li, der sich wie folgt äußert: 

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"Drei Dinge sprechen für Düsseldorf: Die guten Flugverbindungen zu unserem Headquarter und den anderen Büros in Westeuropa, die Synergien zu all den anderen Interessenvertretern unserer Branche, und es haben auch einige Mobilfunkanbieter ihre Zentralen in dieser Region - zum Beispiel Vodafone, die Deutsche Telekom und 1&1. Auch einige unserer wichtigsten Distributoren sind hier in der Region ansässig. Zudem ist Düsseldorf eine wunderschöne Stadt, sehr offen, gerade gegenüber anderen Kulturen. Wir verstehen uns als “global local company” und sind gekommen, um zu bleiben - daher ist es uns auch besonders wichtig, mit lokalen Partnern in Düsseldorf zusammenzuarbeiten und uns hier zu verankern. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere auf mehrere Jahre ausgelegte Partnerschaft mit Fortuna Düsseldorf, die wir im vergangenen Herbst geschlossen haben, oder unser geplantes Engagement als Sponsor und Partner bei der Startup-Woche im Juni 2021 hier in Düsseldorf."

Das ist ein sehr deutliches Bekenntnis zum Standort Düsseldorf und auch eine nachvollziehbare Erklärung, wieso die Chinesen in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens gelandet sind. Ich denke dennoch, dass es auch ein Signal sein soll, wenn man sich bewusst für Deutschland entscheidet. Es ist einer der wichtigsten Märkte der Welt, vielleicht der wichtigste in Europa. Das zeugt von Selbstvertrauen, wenn man genau hier angreift und dieses Selbstvertrauen hat man sich auch hart erarbeitet. 

Der Xiaomi Store in Düsseldorf / © Xiaomi

Xiaomi profitiert von Huaweis Schwäche – ist aber nicht drauf angewiesen

Wir schauen immer mal wieder fasziniert nach China und generell nach Asien. Unternehmen wie Vivo und OPPO, aber auch Realme kommen für uns Menschen im Westen oft aus dem Nichts und erobern in Asien ein Land nach dem nächsten. Das hat dann nicht direkt einen Impact auf westliche Märkte, dafür braucht es mehr. Huawei ist auch genau diesen Weg gegangen und mauserte sich von einem Schwergewicht in China zu einem Geheimtipp in Europa, bis man schließlich auch in unseren Gefilden eine Smartphone-Macht wurde. 

Wieso sich Huawei damit schwer tut, diesen Ruf zu bewahren, muss ich niemandem von Euch erzählen. Nach wie vor steht man zwischen den Fronten des Handelskriegs zwischen China und den USA und hat als Folge daraus ein katastrophales Jahr abgeliefert. Unverschuldet, versteht sich.

Aber blicken wir zurück auf Xiaomi: Das Unternehmen macht ebenfalls einfach sehr viel richtig, bietet den richtigen Mix aus Innovation und Preis-Leistungs-Verhältnis mit seiner Produktpalette und ist ebenfalls längst in Europa angekommen. 

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Xiaomi kann nichts für Huaweis Schwäche, aber man nutzt sie jetzt dennoch ungewollt für sich. Längst spielt Xiaomi in der Gunst der Käufer eine wichtige Rolle in Deutschland und in Europa generell. "Wichtige Rolle" ist vielleicht sogar schon untertrieben, wenn man auf die Entwicklung im letzten Jahr blickt. 

In Europa hat Xiaomi Huawei bereits überholt / © Canalys
... ebenso in Deutschland / © Canalys

Global ist Xiaomi dank der vielen asiatischen Ländern, in denen man gut dasteht (beispielsweise ist man Marktführer in Indien), eh nicht mehr aus der allerersten Smartphone-Riege wegzudenken, wie das folgende Bild verdeutlicht. Dort rückt man sogar Samsung recht nah auf den Pelz: Während die Koreaner sich mit 17 Prozent Marktanteil im vierten Quartal aus der Affäre ziehen, robbt Xiaomi näher heran und ist auch bei einem Marktanteil von 12 Prozent angelangt nach den Zahlen von Canalys.

Xiaomi – weltweit eine Macht! / © Canalys

Die ungewollte Machtablösung

Wenn man die Jungs und Mädels von Xiaomi fragt, sind sie nicht gerade glücklich, dass es so wirken könnte, als profitiere man lediglich davon, dass Huawei schwächelt. Ich denke, die Zahlen belegen das auch, dass Huawei nicht der Pfeiler des Xiaomi-Erfolgs ist. Die Konkurrenz auf dem Smartphone-Markt ist schließlich riesig, und wer in der Lage ist, binnen des Quartals 4:20 43,4 Millionen Geräte zu verkaufen und sich damit inmitten einer Pandemie um 31 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zu verbessern, beweist eindeutig seine Stärke. 

Hätte Huawei nicht diesen Blacklist-Mist an der Backe, würden sich möglicherweise die Kraftverhältnisse anders verschieben. Aber dass die Leute in Scharen Xiaomi-Smartphones kaufen und nicht zu anderen Marken greifen, hat nichts mit Huaweis Schwäche zu tun. Es hat damit was zu tun, dass die Leute weltweit Xiaomi als echte Alternative zu Apple und Samsung – und auch Huawei – begreifen. Es ist unabhängig davon wenig zielführend, wenn wir uns überlegen, wo Xiaomi heute in Europa stehen würde, wenn Huawei nicht so angeschlagen wäre. 

Ich glaube Xiaomi sogar, dass sie knatschig darüber sind, dass ständig Zusammenhänge zu Huaweis Krise hergestellt werden, weil es damit so wirkt, als hätte die Huawei-Situation mehr mit Xiaomis Erfolg zu tun als das selbst Geleistete. Aber nochmal: Xiaomi hat sich das alles über Jahre hart erkämpft und erntet nun das, was man sich aufgebaut hat. Schaut nochmal oben auf die Deutschland-Grafik und rechnet selbst: Die Top Vier (Samsung, Apple, Xiaomi und Huawei) verkaufen in Deutschland 9 von 10 Smartphones und die Situation in Europa ist sehr ähnlich. 

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Diese Mathematik ist simpel, beziehungsweise kann man aktuell nur zu einem Ergebnis kommen: Xiaomi nimmt Huaweis Platz ein! Drei dieser vier Protagonisten stehen felsenfest im Markt, einer taumelt und der Rest folgt mit riesigem Abstand.

Klar ist auch: Mit Unternehmen wie OPPO, Realme und Vivo stehen weitere chinesische Hersteller in der zweiten Reihe und wollen sich ebenfalls den ein oder anderen Marktanteil reinknuspern. Aber auch die werden Zeit benötigen, bevor sie einen großen Impact auf dem hiesigen Markt erlangen. 

Der Kaiser von China ist tot – es lebe der Kaiser von China

Der Status Quo ist also, dass es weiterhin drei große Player gibt, der Dritte aber eben nicht mehr Huawei ist, sondern Xiaomi. Für die meisten von Euch ist Xiaomi ja sowieso schon längst eine große Nummer. Für den Mainstream außerhalb Asiens (und Südamerika) taucht Xiaomi aber gerade erst wirklich für ganz viele Menschen auf dem Radar auf.

Persönlich finde ich das sehr ungewöhnlich und glaube nicht, dass ich das in der Form schon mal beobachtet habe, wie sich ein großer Name in so kurzer Zeit aus der Spitze verabschiedet und fast nahtlos durch einen Nachrücker ersetzt wird. Es trifft mich auch, muss ich zugeben, da ich dem Unternehmen und vielen seiner Angestellten freundschaftlich verbunden bin und nach wie vor gerne mein eigenen Leistungsfähigkeit überzeugen wird.

  • Lest auch: Biden, iPhone & Handy-Sparte: Huawei-CEO zur aktuellen Situation

Aber Stand jetzt wurde Huawei – völlig ungerechtfertigt für mein Empfinden – aus der Weltspitze gekegelt und muss zumindest vorläufig ins zweite Glied rücken (Kommt mir übrigens nicht mit der Uiguren-Geschichte oder damit, wie Huawei angeblich Angestellte behandeln soll. Das sind Themen, die man absolut diskutieren und ansprechen muss, die aber mit der Marktposition Huaweis herzlich wenig zu tun haben).

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Erst vor wenigen Jahren hat Huawei sehr selbstbewusst angekündigt, dass man das Duopol Apple/Samsung aufbrechen will und in der Folge zeigte man eindrucksvoll, dass ihnen das auch gelingt. Auch wenn man es bei Huawei nicht hören will, bei Xiaomi nicht hören will und es auch ganz sicher vielen Huawei-Fans gegen den Strich geht: In Deutschland, in Europa und global hat relativ leise eine Wachablösung stattgefunden. Xiaomi tritt in die großen Fußstapfen Huaweis und ist die chinesische Macht, die dem Duopol an der Spitze in den Hintern tritt. Der Kaiser von China ist tot, es lebe der Kaiser von China! 

Wie denkt Ihr darüber?

Ja, vermutlich habe ich mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt und möglicherweise sind jetzt gleich mehrere Parteien genervt. Die Einen, weil ich sie vorläufig abschreibe; die Anderen, weil es so aussehen könnte, als hat ihr Erfolg sehr viel mit dem Scheitern des Konkurrenten zu tun. 

Grund genug also, eine andere Instanz ins Spiel zu bringen – Euch! Daher möchte Ich Euch bitten, sowohl an der Abstimmung hier teilzunehmen als auch mir in den Kommentaren Euren Standpunkt mitzuteilen. Sagt mir, ob Huawei sich nur eine kleine Verschnaufpause gönnt, oder ob da sämtliche Züge abgefahren sind. Sagt mir ebenfalls, wenn Ihr Xiaomi weniger stark einschätzt als ich hier gerade und Ihr eher denkt, dass ein ganz anderer Player die Huawei-Lücke ausfüllen wird. 

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